Interview mit Yogalehrer Max Strom

Interview mit Yogalehrer Max Strom

1. Woher kommst du und was machst du beruflich?
Mein Name ist Max Strom. Ich bin in den USA, Kalifornien aufgewachsen und habe in den letzten 61 Jahren viele meiner Talente beruflich gelebt. Es begann mit einer Musiklaufbahn, die mich noch heute mit über 30 unvollendeten Liedern beschäftigt. Nach einer Weile entdeckte ich mein Talent des Drehbuchschreibens. Erst im Alter von 35 Jahren kam Yoga in mein Leben und ich finde es immer noch beeindruckend, dass ich mittlerweile mein eigenes atembasierendes Bewegungs-System entwickelt habe. Das gleiche gilt für Bücher (Werbelink), die ich veröffentlicht habe, in denen ich Einsichten meines Lebens teile. Heute mag es ein TED Talk sein, morgen eine Eröffnungsrede eines politischen Kongresses. Es gibt immer Raum für Wachstum und immer Zeit etwas Neues zu lernen.

2. Das klingt nach einer interessanten Entwicklung, die sicher auch deine Schüler motiviert ihren Träumen zu folgen.
Ja, es ist in der Tat eine Frage der Perspektive und Lebenseinstellung. Wenn du beginnst das Leben als Chance für grenzenloses Wachstum zu erkennen, dann wird alles möglich. Ich hoffe, dass meine Geschichte Menschen inspiriert immer etwas Neues zu wagen und zu lernen. Wenn die Leidenschaft da ist, sind sogenannte Limits wie Alter, Wissen oder Expertise nichtig und alles entfaltet sich dadurch, dass man dem Drang des neuen Weges folgt und ihn erforscht. Das mag etwas hektisch klingen, aber das Leben geschieht in Phasen. So kam es, dass ich eine Dekade als Vollzeit-Musiker verbrachte, eine weitere Dekade in einer Jurte lebte, bereits zwei Dekaden Yoga unterrichte und ich bin sehr gespannt was sich noch alles in der Zukunft ergibt. Alles was du benötigst ist Vertrauen und die Fähigkeit deiner innen Stimme zu lauschen.

3. Viele Menschen hören nicht mehr auf ihre innere Stimme – haben ihre Intuition verloren. Wieso glaubst du ist das heute so?
Das ist richtig, die Menschen haben die Fähigkeit verloren ihrer inneren Stimme zu lauschen. Leider zählt man die Intuition heute nicht zu der Regel, sondern zu einer sehr fortschrittlichen Fähigkeiten, die nur wenigen gelingt. Das ist der Effekt davon, dass wir in einer Kultur leben, deren Glauben mehr der Technologie und Fakt-basierender Wissenschaft gilt. Eine Kultur in der Telefone schier alles wissen und wir ihnen blind vertrauen. Wir trauen einem technischen Gerät mehr als unserer eigenen innewohnenden Weisheit und Erfahrung. Und warum? Weil wir die Verbindung zu unseren Emotionen verloren haben, durch die Unterdrückung der Bedürfnisse unserer Herzen. Dies wird mit zunehmender digitaler Entwicklung immer schlimmer.

4. Was machen die sozialen Medien und die Computer mit uns? Machen Sie uns wirklich glücklicher oder geht es eher in die gegengesetzte Richtung?
Technologie ist eine großartige Erfindung und Erleichterung für unser Leben, doch wir sollten weise entscheiden wie wir sie nutzen. Wenn wir Technik in unser Leben bringen, dann sollte sie unser Leben erleichtern. Sie sollte uns mehr freie Zeit ermöglichen, nicht weniger. Die sozialen Medien sind der neue weiße Zucker unserer Zeit. Je mehr wir davon essen, desto mehr wollen wir davon und desto schlechter fühlen wir uns. Menschen fühlen sich einsamer denn je und wollen doch immer mehr davon. In unserem Alltag hat sich das Informationszeitalter bereits zu einem Unterhaltungszeitalter entwickelt und es scheint, dass wir Schwierigkeiten haben den Unterschied zwischen Leben und virtueller Realität auseinander zu halten. Man könnte sagen, dass wir Zeugen eines emotionalen Zusammenbruchs der industrialisierten Gesellschaft sind. In der reichsten Gesellschaft der Welt, finden wir uns deprimiert, ängstlich und schlafgestört und dazu gibt es kaum Lösungsvorschläge ausser den symptombekämpfenden Medikamenten. Mit dieser Überkomplexität des modernen Lebens und einer sich ständig wandelnden Umwelt, finden wir uns in Angst und Verwirrung. Eine Person, die ständig mit massivem Wandel konfrontiert ist, zieht sich womöglich in eine eher inselartige Welt zurück, um dies zu kompensieren. Wir entwickeln uns zu einer immer autistisch werdenden Gesellschaft. Ich denke, dass genau dies erklärt, warum es Menschen so schwer haben sich mit ihrer inneren Stimme zu verbinden.

5. Glaubst du, dass Yoga die Menschen wieder zu sich selbst und zu ihrem Inneren führen kann und somit zu einem glücklicheren Leben?
Es gibt viele Wege ein glückliches Leben zu führen. Die Fähigkeit einer bedeutungsvollen Transformation oder sogar einer kompletten Renaissance ist in jedem von uns präsent; wir müssen einfach die innere Technologie aktivieren, die bereits seit Geburt an in uns steckt. Dies können wir durch das Lernen einiger simpler jedoch kraftvoller Übungen erreichen, die bisher noch nicht für die breite Masse angeboten werden. Das Erste was ich empfehle, um aus dieser Situation zu wachsen, in der sich so viele Menschen befinden, ist es wenige einfache Atemübungen zu lernen, die man jeden Tag machen kann. Ich weiß, dass das anfangs eventuell komisch klingt. Ich war selbst skeptisch. Was hat Atmen schon damit zu tun? Wir atmen jetzt. Atemübungen ermöglichen aufgestaute Emotionen, vor allem akkumulierte Trauer, zu entladen. Das ist der Hauptgrund für so viel Ängste und Beklemmungen in der Welt. Sobald die unterdrückte Trauer gelöst ist, hören Panikattacken auf und Angstzustände lassen exponentiell nach. Zweitens können wir mit täglichen Atemübungen vorbeugen, dass negative Emotionen in der Zukunft aufgestaut werden. Das bringt unser Nervensystem in Balance und inspiriert uns neu. Unser Atem und unsere Gefühle sind nicht voneinander separiert; und ich bin nicht der Einzige, der das glaubt. Das Verteidigungsministerium der USA setzt sich dafür ein, Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen mit Atem- und Yogaübungen zu behandeln, da es bisher die einzige Methoden sind, die geholfen haben. Es hilft aber nicht nur Soldaten; es hilft jedem, der unter einem hohen Stresslevel oder posttraumatischem Stress leidet.

6. Gibt es deiner Meinung nach eine Formel für das Glück? Für ein glückliches Leben?
Erstmal müssen wir die Definition von Glück betrachten. Normalerweise wird Glücklichsein für junge Menschen mit Vergn+gen gleichgesetzt. Ich definiere es als eine “tägliche Erfahrung eines sinnvollen Lebens”. Vergnügen und Genuss sind wunderbar und wir brauchen das auch alle, aber letztlich erfüllt es uns nicht. Irgendwann suchen wir nach etwas anderem und uns wird klar, dass wir nach mehr Bedeutung im Leben streben. Wenn wir einem sinnenhaften Leben folgen, sind wir sogar bereit mehr unseres Vergnügens aufzugeben. Menschen werden für einen Grund an den sie glauben sogar kostenlos arbeiten. Etwas das Sinn bringt ist unbezahlbar und Menschen würden dafür sogar sterben. Was mich angeht, ich strebe jeden Tag ein solches Leben an. Mein Ausdruck einer “Nah-Leben-Erfahrung” beschreibt das sehr gut: nämlich, wenn jemand auf dem Sterbebett liegt und sein Leben revue passieren lässt und realisiert, dass sie/er es verpasst hat wahre Liebe zu teilen und ein wirklich sinnvolles, tief spirituelles Leben zu führen. Das am Ende meines Lebens zu realisieren, wäre für mich die schlimmste aller Foltern. Die Formel fürs Glücklichsein ist sehr individuell, doch es gibt drei Notwendigkeiten oder drei Handlungsgründe, die man einführen kann, um seine eigene persönliche Evolution zu beschleunigen. Ich nutze den Ausdruck “Beschleunigung der persönlichen Evolution”, weil es genau so funktioniert: Anstatt darauf zu warten, dass das Leben einem Gelegenheiten für Lernschritte und Offenbarungen bietet, kann man sich jetzt sofort für eine Handlungsweise entscheiden, die genau das mit großer Wirkung gewährt. Ich nenne sie Handlungsgründe, da ich glaube, dass wir die Welt nicht ändern können ohne uns selbst zu verändern. Jeder hat eine interne Technologie innewohnen, um eine persönliche Renaissance hervorzurufen, doch man muss beginnen sie zu nutzen.

Der erste Handlungsgrundsatz: Wir müssen uns unserer Selbst bewusst werden. Das bedeutet, wir müssen lernen dieses Programm zu nutzen, um mehr über uns zu lernen, über unsere Stärken und Schwächen, und über unsere blinden Schwachstellen. Bis man sich wirklich kennt, dreht man sich im Kreis.

Der zweite Handlungsgrundsatz: Lebe so, als ob deine Zeit und deine Lebensdauer identisch wären. Wir reden bei Zeit und Leben von zwei unterschiedlichen Dingen. Zum Beispiel nutzen wir den Ausdruck “die Zeit totschlagen”. Wir schätzen das Leben, aber wir schätzen die Zeit nicht. Wir verplempern unsere Zeit/Leben jeden Tag wie Videospiele, Fernsehen und eine neue Art der Unterhaltung. Das ist neu für unsere Gesellschaft, denn wir hatten nie mehr Gelegenheiten als heute, die große Bedeutung unserer kurzweiligen, sterblichen Leben zu verleugnen, anstatt ein Leben mit Sinn, Wissen, Liebe und Schönheit zu wählen.

Der dritte Handlungsgrundsatz: Lerne und praktiziere ein tägliches einstündiges Ritual, welches dich auf deinem Weg heilt und bestärkt. Eine Atemtechnik ist häufig das fehlende Bindeglied. Wenn du dazu neigst Angstzustände oder Schlafstörungen zu haben, wird eine regelmäßige Atem-Praxis dies ändern. Selbst 15 Minuten pro Tag werden langfristig einen großen Unterschied machen. Sobald sich eine Person jedoch zu einer einstündigen, täglichen Praxis von Atem-einleitenden, Yoga-basierenden Bewegungen oder Qigong hingibt, erreicht sie nicht nur die gewünschte physische Fitness, sondern auch eine emotionale Fitness.

7. Du sprichst auf deiner Webseite von „Breathe to Heal“. Was genau bedeutet das? Was kann man sich darunter vorstellen?
Nun, es gibt zwei wesentliche Atemtechniken. Eine ist die unterbewusste automatische Atmung, die in diesem Moment ganz ohne Mühe geschieht. So wie mein Herz ganz ohne mein Zutun schlägt, atmet auch meine Lunge. Das ist eine Form der Atmung und so atmen die meisten Menschen fast die ganze Zeit. Viele Menschen mischen sich nie bewusst in ihre Atmung ein. Ihr Atem reagiert auf ihre Situation. Wenn sie wütend werden, dann ändern sich ihre Atemmuster automatisch und leider nicht immer zu ihrem Vorteil. Und wenn sie trauern, ändert sich die Atmung wieder.

Die zweite Form von Atmung ist bewusste Atmung, bei der das Bewusstsein entscheidet wie tief und lang ein- und ausgeatmet wird und wie lang die Atempause dazwischen ist. Eine Atempraxis ist genau das: wenn du dich entscheidest für eine bestimmte Zeit auf eine bestimmte Art und Weise zu atmen. In verschiedenen Formen zu atmen hat verschiedene Wirkungen auf den Körper, auf das Nervensystem, auf den Geist und auf die Gefühle. Die unmittelbar wirkungsvollste Reaktion, die meine Schüler erleben wenn ich sie durch Atemübungen leite, sind von emotionaler Natur. Der Durchschnittsmensch ist meiner Meinung nach ein Silo, wie ein Getreidesilo, voller unterdrückter Emotionen aus der Vergangenheit. Wenn wir uns vorstellen unsere Gefühle runterzudrücken, das ist ein treffendes Bild, da wir sie tatsächlich unterdrücken, dann halten wir sie in uns und zwar für eine lange Zeit. Und wir sehen ständig Nachweise dafür.

Zum Beispiel, wenn wir ein Lied hören, dass uns an eine sehr emotionale Zeit oder an eine Liebesbeziehung erinnert, die womöglich 20 Jahre her ist und wir durch die Erinnerung in Tränen ausbrechen. Man könnte auch sagen, dass dies das Freiwerden des Körpergedächtnisses aus jener Zeit ist. Ob es nun ein Lied ist, ein Objekt oder ein Ort, der uns emotional berührt, ist meist Nachweis von unterdrückter Trauer, Wut oder Enttäuschung und wir unterdrücken diese, weil die Gesellschaft es uns so beibringt. Wir legen allerlei schlechtes Verhalten an den Tag und entschuldigen uns nie dafür, aber wenn jemand eine Träne vergießt, dann entschuldigen wir uns sofort. Wir schämen uns für Trauer; wir sind beschämt und verlegen, wenn uns jemand beim Trauern sieht. Gefühle werden im Körper ausgedrückt, gefühlt und gespeichert. Wenn wir wütend werden, sehen wir auch wütend aus. Man ballt eine Faust oder presst die Zähne zusammen oder runzelt die Stirn: der Körper beginnt die Wut auszudrücken.

Die Atemtechniken sind notwendig, um das Herz von der Vergangenheit zu befreien; um es aus seinem eigenen Gefängnis zu befreien, das wir uns selber bauen. Die Atemübungen helfen dabei negative Emotionen aus dem Körper zu leiten und uns gesünder zu fühlen. Wir speichern verschiedene Emotionen in verschiedenen Regionen des Körpers. Die Lungen sind mit Trauer und Inspiration assoziiert. Wenn wir Trauer spüren, können wir gleichzeitig nicht inspiriert sein und umgekehrt genauso. Daher weinen wir, wenn wir traurig sind und unsere Lungen verkrampfen sich. Es ist offensichtlich, dass die Lungen Trauer ausdrücken. Und wenn wir inspiriert sind, weil wir vielleicht eine gute Idee haben, dann atmen wir ein. Das Wort “Geist”, zu Englisch “spirit”, stammt von dem lateinischen Wort “inspirits” und steht für “mit Geist gefüllt werden”. Um also unser Herz zu öffnen, müssen wir es freilegen. Das ist als ob wir Archäologen sind, die ihr eigenes Herz freibuddeln. Weil wir es mit einem dicken Panzer ummanteln, schützen wir es mit dickem Narbengewebe vor vergangenen Traumata und Herzschmerz. Durch die Atemübungen wird der Panzer entfernt, den wir um das Herz geschnallt haben, um es völlig zu öffnen.

8. Du gibst im September Workshops in Berlin. Was genau beinhalten diese Workshops?
Die Arbeit, die ich anbiete, beschreibt ein interdisziplinäres System, welches seine Inhalte aus Hatha Yoga und chinesischem Yoga, Qigong, bezieht. Es ist nicht nur eine physische Praxis, sondern eine Atempraxis begleitet von Körperübungen. Dadurch hat es einen enormen Einfluss auf unser Nervensystem. Das Ergebnis kann zu einem Ende von Angstzuständen und Depressionen verhelfen. Es kann jemanden mit Burnout reinspirieren und nicht irgendwann, sondern schon nach einer oder zwei Sitzungen. Inner Axis ist eine ganzheitliche Lebenspraxis, die darauf abzielt Stress, Ängste und Schlafstörungen zu reduzieren. Es erzeugt ein Level von Fitness, welches dir hilft, dich besser zu fühlen, besser zu schlafen und daher auf einem höheren Level zu funktionieren, sowohl in deinen Beziehungen als auch in deiner Arbeit. Inner Axis Stunden integrieren atem-basierende Yoga-Bewegungen und Achtsamkeit für Menschen verschiedenster Level. Es ist geeignet für jedes Alter, jedes Level von Fähigkeit und für alle Gesellschaftsschichten. Probier es selbst aus und ich verspreche dir, dass du dich nach nur 10 Minuten besser fühlst und dich zum Ende der Klasse entspannter und klarer denn je fühlen wirst.

9. Wir leben in einer sehr schnelllebigen und stressigen Gesellschaft. Was genau gibst du deinen Workshop-Teilnehmern als Hilfestellungen für den Alltag mit?
Sei dir in unserer schnelllebigen Welt, die von aufmerksamkeitsgestörten Beziehungen regiert wird, einer Sache immer bewusst: Deine Zeit und Aufmerksamkeit werden als Respekt und Zuneigung aufgefasst. Augenkontakt ist eine Art zu sagen, “Ich sehe dich, ich höre dich und du bist mir wichtig.” Mein Telefon vor dem Essen oder beim Meeting auszuschalten, zeigt meinem Gegenüber, dass “er und seine Zeit mir wichtig sind”. Unsere Aufgabe ist es die direkte, non-verbale Kommunikation von Liebe, Respekt und Vertrauen zu erhöhen. Und mit jedem Wort das wir sprechen haben wir die Chance die Welt zu verändern.

Hier noch ein paar Links zu seinen erfolgreichen Büchern (Werbelinks):

Vielen Dank, lieber Max Strom, für dieses aufschlussreiche Interview
Namaste
Unterschrift Melanie vom Yogablog Ganzwunderbar

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