Written by 10:00 Achtsamkeit, ganzwunderbar, Yoga

Mit Yoga seinen Weg gehen

Erfahrungsbericht: Silvia Eyer erzählt ihren Werdegang raus aus der Drogenkarriere hin zum Yoga.
Mit Yoga seinen Weg gehen
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Anzeige (aufgrund von Namensnennung) · Photo by Conscious Design on Unsplash


Gastartikel von Silvia Eyer von www.online-yogastudio.ch. Sie ist Journalistin, Yogalehrerin und absolviert gerade eine Ausbildung zur Chakratherapeutin. Sie erzählt ihren Werdegang raus aus der Drogenkarriere hin zum Yoga.


Durch Yoga habe ich mich neu erfunden

Die Wege zum Yoga sind so vielfältig wie die Wege nach Rom. Häufig sind es Gründe wie der Ausgleich zum Alltag, sportliche Aktivität oder keinen Trend auszulassen. So viel sei schon mal gesagt: Mein Weg zum Yoga war eher ein steiniger Trampelpfad nach Rom. 

Zu Beginn einer solchen Geschichte stelle ich mir als ehemalige Journalistin oft die Fragen: Wo soll ich anfangen? Wie kriege ich die Leser dazu, meinen Text vollständig zu lesen? Wie halte ich den Spannungsbogen aufrecht? Doch ich denke, hier sind diese Fragen hinfällig. Ich fange einfach am Beginn der Geschichte an, hoffe darauf, dass die Leser gespannt den Text bis zum Ende durchgehen und der Spannungsbogen, ja, ihr werdet schon sehen…

Meine Geschichte fängt an, als ich 13 Jahre jung war. Obwohl ich aus einer intakten Familie stamme und auch sonst keine wesentlichen Probleme hatte, fing damals ein langjähriger Kampf für mich an. Nach ein paar experimentellen Versuchen mit Cannabis und Pillen landete ich schnell bei den harten Drogen wie Kokain und Heroin. Es dauerte nicht lange und ich war abhängig. Wieso? Das fragten mich viele Leute in meinem Leben. Damals wie auch heute noch manchmal.

Mit Yoga seinen Weg gehen mit der Yogaphilosophie und dem Taoismus

Und noch heute kann ich die Frage nicht gänzlich beantworten. Früher habe ich oft gesagt, dass ich halt rebellisch war, ausbrechen wollte aus dem System, das ich nur schlecht ertrug. Diese Antwort stimmt sicher zum Teil auch heute noch. Doch heute, mit meiner langjährigen Auseinandersetzung mit der Yogaphilosophie und dem Taoismus, ist die Antwort, die ich heute gebe, tiefgründiger und spiritueller. Heute denke ich, dass dieses Leben für mich bestimmt ist. Und dass ich diese Erfahrungen gemacht habe, damit ich der Mensch werde, der ich heute bin. 

Doch zurück zu meiner Geschichte: Das Leben als junge Heroinsüchtige ist schwer. Sehr schwer. Jeden Tag ähnelte dem vorherigen. Geld beschaffen, Drogen beschaffen. Ein Kreislauf, den ich nicht durchbrechen konnte. Und es war anstrengend. Kein Geld, keine Drogen, Entzug. Und diese Schmerzen sollte einfach kein Mensch auf dieser Welt durchmachen.

Es ist schwer, diesen Zustand mit Worten zu beschreiben. Es fängt an mit Schweissausbrüchen und Schüttelfrost. Dann kommt die innere Unruhe. Ein Gefühl, so stark, als ob einem die Brust aufgerissen wird. Zum Schluss noch die Gliederschmerzen. Jeder einzelne Knochen und jeder Muskel im Körper sendet Schmerzsignale aus.

Und dieser Zustand ist auch einfach erklärt: Heroin ist wie Morphium, das stärkste Schmerzmittel der Welt. Beides wird aus derselben Pflanze gewonnen. Die Schmerzrezeptoren im Körper gewöhnen sich an die Dauerbetäubung. Fehlt diese dann plötzlich, reagieren sie über und feuern willkürlich Schmerzsignale aus. Da dieser Zustand über mehrere Tage fast unerträglich ist, schaffen es die wenigsten Menschen, einen kalten Entzug ohne die Hilfe von Medikamenten durchzustehen. Und meist wählen sie den schnellsten Weg: sich Heroin beschaffen. 

Insgesamt lebte ich dieses Leben 12 Jahre lang. Zwischendurch war ich in einer Therapie, doch damals wohl noch zu jung. Und so dauerte es nach der Therapie auch nicht lange, bis ich wieder abhängig war. Es kam dann noch einiges hinzu: Ich heiratete meinen Dealer, wir wurden von der Polizei festgenommen, wir flüchteten nach Griechenland und so weiter und so fort. Doch eigentlich schreibe ich diesen Text nicht, um hier meine Drogengeschichte bis ins kleinste Detail zu erläutern.

Durch Yoga das ICH und SEIN entdecken

Nein, ich möchte darüber schreiben, wie es danach weiterging und wie sehr mir Yoga geholfen hat, mein «Ich» mein «Sein» zu entdecken und erfahren. Ich war 25 als ich den Ausstieg aus den Drogen geschafft habe. Anders als bei der Frage nach dem Wieso, habe ich bei dem Wie eine klare Antwort: Ich konnte einfach nicht mehr. War körperlich und auch geistig am Ende angelangt. Ich hatte schlicht keine Kraft mehr, dieses Leben auf diese Weise weiterzuführen.

Und so hörte ich von einem Tag auf den anderen auf. Und es fiel mir nicht Mal schwer. Ich bekam Medikamente, um den körperlichen Entzug zu überstehen. Da diese auch sehr stark sind, baute ich sie über drei Jahre hinweg ab. Gleichzeitig fing ich langsam an, mir ein Leben in und nicht mehr am Rande dieser Gesellschaft aufzubauen. 

Mit Yoga seinen Weg gehen und ein neues Leben beginnen

Durch meinen Vater, der Zeit seines Arbeitslebens als Journalist tätig war, konnte ich ebenfalls in dieses Metier einsteigen. Die Arbeit gefiel mir, da ich schon immer gerne geschrieben habe. Trotzdem war es schwer für mich. Ich empfand mich damals noch nicht als einen wertvollen Teil dieser Gesellschaft. Ich fühlte mich minderwertig, innerlich immer noch wie ein Drogensüchtiger. Musste ich ein Interview mit einem Stadtpräsidenten oder einem Firmenchef führen, so fühlte ich Angst in mir.

Ich hatte nicht nur Respekt vor diesen Menschen, nein, ich fühlte mich ihnen gegenüber nichts wert. Und damit hatte ich lange zu kämpfen. Es fiel mir sehr schwer, mich in einem neuen Licht zu sehen. Ich wusste plötzlich nicht mehr, wer ich eigentlich bin. Konnte nicht viele liebenswerte Punkte in mir sehen. Klar hörte ich immer wieder:

«Du hast den Ausstieg aus den Drogen geschafft. Das ist sehr selten. Du bist wirklich stark.»

Es fühlte sich gut an, das zu hören. Doch trotzdem fühlte ich mich verloren in dieser Welt. Ich konnte meinen Platz nicht sehen.     

Die erste Yogastunde

Noch vor meiner ersten Yogastunde fing ich an, mich intensiv mit der Yogaphilosophie und auch dem Taoismus zu beschäftigen. Ich verschlang Bücher zu diesen Themen geradezu. Und immer beim Lesen kam da plötzlich dieses gute, positive Gefühl in mir auf. Mir wurde eine neue Welt eröffnet, die ich bis dahin nicht kannte. Ich fing an mein Denken zu verändern. Ganz langsam. Schritt für Schritt.

Und fühlte, dass ich langsam zu der Person werde, die ich tief in meinem Inneren vielleicht schon immer war. Und dann war da meine erste Yogastunde. Ein Freund von mir spielte auf dem Hackbrett die Frequenzen der Chakras und die Yogalehrerin ging mit uns durch Asanas, passend zu den Chakras. Wie in Trance kam ich aus dieser ersten Yogastunde heraus. Und für mich war sofort klar: Da will ich dranblieben. 

Ich suchte mir eine Yogalehrerin in meiner Stadt. Sie war und ist einfach super. Hat sehr viel Erfahrung, Können und Wissen, welches sie an uns weitergab. Schon in meiner ersten Stunde bei ihr sollte ich den Kopfstand probieren. Doch ich war noch zu ängstlich und unsicher. Also bot sie mir als alternative den Elefanten an. Und es hat funktioniert.

Ich habe in dieser ersten Stunde schon gemerkt, wie ich mir selbst in meinem Kopf Grenzen setze. Und dass ich diese auch überwinden kann, in dem ich auf meinen Körper und meinen Geist vertraue. Ich war von Anfang an so fasziniert von Yoga, dass ich direkt damit anfing, mehrmals die Woche bei mir Zuhause für mich zu praktizieren. Klar, am Anfang war das noch etwas holperig, doch durch das viele Üben und meine Yogalehrerin, die stets das Beste aus uns herausholte, merkte ich schnell Fortschritte. Das hat mich zusätzlich motiviert.  

Mit Yoga seinen Weg gehen und zu sich selber finden

Es folgten einige Jahre, in denen ich mich intensiv mit Yoga beschäftigte. Viel wichtiger als die Fortschritte in den Asanas war aber, dass ich mehr und mehr zu mir selbst gefunden habe. Ich wurde mir meiner Selbst bewusst, bekam eine andere Ausstrahlung durch eine neue Körperhaltung, traute mir wieder viel mehr zu und wurde innerlich ruhiger, ausgeglichener und gelassener.

Klar gibt es auch heute noch für mich viele Momente, in denen ich in alte Muster wie Unruhe oder einem Minderwertigkeitsgefühl zurückfalle. Doch die Momente sind viel seltener und kürzer. Denn heute weiss ich, es sind nur Gedanken, die aus meinem Geist kommen, aber nicht aus meiner tiefsten Seele. Einen Rückfall hatte ich übrigens nie mehr. Ich bin seit 12 Jahren clean, nur um dies noch zu erwähnen. 

Mit Yoga seinen Weg gehen und eine Yogalehrer Ausbildung absolvieren

Nach einigen Jahren wuchs in mir langsam ein Samen. Der Wunsch entstand, mich noch intensiver mit Yoga und allem Drumherum zu beschäftigen. Und so entschied ich mich intuitiv für eine Ausbildung zur Yogalehrerin. Ich absolvierte die üblichen 200 Stunden. Und auch in dieser Zeit merkte ich, wie ich mich weiterentwickelt habe. Zusätzlich habe ich zur gleichen Zeit eine Ausbildung zur Chakratherapeutin begonnen. Und mein Lehrer sagte einmal zu mir: «Nur was wächst, lebt.» Dieser Satz hat mich sehr berührt. Denn wenn ich heute zurückblicke, war ich an meinem tiefsten Punkt, an dem, als ich von einem Tag auf den anderen mit den Drogen aufhörte, eigentlich innerlich Tod. Und wenn ich sehe, was seither in meinem Leben passiert ist, wo ich heute stehe und wie ich gewachsen bin, erfüllt mich das mit Freude. 

Mit Yoga seinen Weg gehen und die Yoga Philosophie weitergeben

In meinen Yogastunden, die ich heute gebe, ist es mir sehr wichtig, meinen Schülern und Schülerinnen nicht nur Asanas weiterzugeben. Jede Stunde hat ein Thema, in der ich auch die Philosophie von Yoga weitergeben möchte oder einfach Themen anspreche, die uns alle betreffen. Denn jeder von uns hat seinen Rucksack zu tragen, jeder fühlt sich hin und wieder minderwertig, jeder und jede hat manchmal mit sich oder mit äusseren Umstanden zu kämpfen.

Deswegen möchte ich zeigen, dass wir mit Hilfe von Atmung, Asanas, der Auseinandersetzung mit Yoga oder Taoismus einfach leichter damit umgehen können. Dass wir mehr und mehr zu uns selbst finden können. Dass wir mehr Gelassenheit entwickeln können. Dass wir innerlich ruhiger werden können. Und uns so von den Stürmen des Lebens nicht mehr ganz so fest mitreissen lassen. 

Herzlichen Dank, dass ich hier meine Geschichte erzählen durfte. Wenn sie nur einem Leser oder einer Leserin ein positives Gefühl vermittelt hat, so habe ich mein Ziel erreicht. 

In Liebe 

Silvia  

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