Interview mit Bridge&Tunnel – Fifty shades of blue

Interview mit Bridge&Tunnel – Fifty shades of blue

1. Stellt euch doch bitte einmal kurz vor. Woher kommt ihr und was macht ihr genau? Seit wann gibt es euch schon?
Wir sind Lotte und Conny und die Gründerinnen von Bridge&Tunnel. Bridge&Tunnel ist ein Social Design Label, mit dem wir lokal und fair fertigen: Wir produzieren inmitten Hamburgs, mit Menschen, die lange Zeit keinen Job finden konnten, aber tolle handwerkliche Fertigkeiten haben sowie mit Geflüchteten, die erst vor kurzer Zeit nach Hamburg gekommen sind. Neben dieser sozialen und für uns sehr wichtigen Komponente setzen wir zudem auf ökologische Nachhaltigkeit. Für unser Design verwenden wir post- und pre-consumer waste, in unserer ersten Kollektion Denim. Deshalb ist jedes Produkt ein Unikat. So verhelfen wir wertvollen Materialressourcen zu einem neuen Leben in style und hoffnungsvollen Talenten aus aller Welt zu einem erfüllenden Job mit Anerkennung. Bridge&Tunnel gibt es seit letztem Sommer. Die Idee zum Label kam dabei im wahrsten Sinne des Wortes zu uns: Seit 2013 leiten wir bereits gemeinsam den Co-Working Space Stoffdeck, eine Gemeinschaftswerkstatt für Mode- und Textildesigner in Hamburg Wilhelmsburg. Dort können sich professionelle Designer, aber auch kreative DIYler unkompliziert einmieten. Als wir irgendwann hörten, dass sich ein deutsch-türkischer Nähclub mit ihren Haushaltsnähmaschinen in einer Wilhelmsburger Moschee zum Nähen trifft, haben wir sie eingeladen, ihren Nähtreff bei uns im Stoffdeck zu machen. Und standen dann fassungslos daneben: Denn wir konnten live mit ansehen, wie wahnsinnig geschickt viele der Frauen an der Nähmaschine waren, obwohl fast alle in der Langzeitarbeitslosigkeit feststeckten. Das war wie ein Urknall. Uns war schlagartig klar: wir müssen diese beiden Welten vernähen. Und seitdem bringen wir professionelles Design und Menschen aus dem Stadtteil mit flinken Händen zusammen. In unserem Kernproduktionsteam arbeiten aktuell 4 (zuvor langzeitarbeitlose) Näherinnen und Näher, die gebürtig aus Indien, der Türkei und Afghanistan kommen. Angeleitet werden sie von 2 Frauen, die ausgebildete Schneiderinnen oder Bekleidungstechnikerinnen sind. Dazu werden sie von wechselnden Praktikanten mit Fluchtgeschichte unterstützt, die erst vor kurzer Zeit nach Deutschland gekommen sind.

2. „Bridge&Tunnel – we design society“ ist ja schon ein sehr kreativer Name. Wie seid ihr darauf gekommen und was bedeutet dieser Name bzw. der Slogan?
Bridge&Tunnel bezieht sich zum einen auf die geografische Lage unserer Werkstatt: Schließlich arbeiten wir in Hamburg-Wilhelmsburg – einer echten Insel inmitten Hamburgs, die von 2 Elbarmen umschlossen und nur über Brücken oder den Elbtunnel zu erreichen ist. Natürlich steckt dahinter aber auch noch eine metaphorische Idee: Denn mit unserem Designlabel wollen wir nichts Geringeres als Brücken für die Menschen bauen, die aus eigener Kraft keinen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt finden. Und wenn das nicht klappt, graben wir auch schonmal einen Tunnel…

3. Euer Label scheint, allein wenn man sich den Slogan schon anschaut, ein sehr soziales Projekt zu sein. Was macht euch so besonders?
Wir arbeiten ja mit dem schönen Claim „we design society“. Und das ist für uns mehr als nur wohlklingendes Marketingblabla, sondern echter Anspruch: Nämlich ein Label zu führen, das eine soziale und ökologische Wirkung entfaltet und damit Gesellschaft – wenn auch im Kleinen – verändert. Das Transportmittel, das wir für die Veränderung gewählt haben, ist Design. In unserem Fall wunderschöne Produkte aus den Bereichen Accessoires, Interior und Fashion, die ästhetisch neben konventionellen Designprodukten voll und ganz bestehen können, zugleich aber mehr sind als nur ein weiterer Pulli, eine weitere Handtasche etc.

Mit Bridge&Tunnel erwirbt man vielmehr „Design Plus“. Zunächst ist für uns ein sorgsamer Umgang mit vorhandenen Ressourcen entscheidend. Daher haben wir uns entschlossen, vorwiegend mit post-consumer waste (abgelegte Jeans) und pre-consumer waste (Materialüberschüsse bei der Produktion) zu arbeiten und auf diese Weise z.B. der sehr schädlichen Herstellung von Denim mit einer langlebigen Verwendung des Materials zu begegnen. Viele Konsumenten haben durch das Brainwashing der Fastfashion Industrie wenig Bewusstsein für die riesigen Mengen an aussortierter Kleidung, die jedes Jahr allein in Deutschland aufkommen. Wir zeigen, dass vermeintlicher Müll eine unerschöpfliche Ressource sein kann.

Um ein Zeichen gegen die an vielen Orten vorherrschenden menschenunwürdigen Produktionsbedingungen der Fashionindustrie zu schaffen, haben wir unsere eigene Produktion vor Ort aufgebaut. Wir zahlen unserem Team tarifliche Löhne, da wir finden, dass textile Arbeit einfach mehr gewertschätzt werden sollte. Da wir ein noch sehr junges Unternehmen mit kleinen Stückzahlen sind, bietet sich eine Produktion vor Ort für uns total an. Durch unsere Manufaktur schaffen wir nicht nur kurze Wege, sondern auch Transparenz und eine face-to-face Kommunikation mit unserem Team. Und auch Fehl- oder Überproduktionen können wir so perfekt vermeiden. Dabei merken wir jeden Tag aufs Neue, was es für die Frauen und Männer in unserem Team bedeutet, endlich einen eigenen Job zu haben und etwas zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizusteuern. Denn wer arbeitet, lernt Menschen kennen. Und wer arbeitet, fühlt sich gebraucht. Die Wertschätzung, die unsere Mitarbeiter durch ihre Arbeit bekommen, erfahren viele von ihnen das erste Mal in ihrem Leben. Das bewegt uns immer wieder sehr.

4. Am besten gefiel mir euer ganzwunderbares Yogabag! Wie genau entsteht so eine wunderbare Tasche? Welche Materialien benutzt ihr dafür?
Unser Yogabag entsteht komplett aus recycelten Jeans und ist in blauem oder schwarzem Denim zu haben. Sie hat ein tolles geometrisches Design, dessen Materialauswahl jedesmal individuell kuratiert wird. Dadurch ist das Modell zwar immer gleich, die Ausführungen aber jedes Mal sehr unterschiedlich, was großen Spaß macht. An der Vorderseite befindet sich eine kleine aufgesetzte Tasche mit einem nahtverdeckten Reißverschluss, so dass kleine Schätze schnell griffbereit sind. Neben dem recycelten Denim kaufen wir noch einige wenige neue „Zutaten“ hinzu, wie Gurtband oder farbiges Paracord. Unsere Yogabag trägt den Namen MANGLA, das ist indisch und bedeutet Freude. Wir finden eine sehr passende Beschreibung für diese schöne Tasche! Übrigens kann man sich alle unsere Produkte – auch die Yogabag – auch aus eigenen Jeansschätzen fertigen lassen! So bekommen alte Lieblingsteile einen ganz neuen Look!


5. Ihr wurdet mehrfach ausgezeichnet und nominiert. Erzählt uns mal ein bisschen darüber!

Ja, verrückt oder? Die Auszeichnungen, die wir bisher erhalten haben, waren alle wahnsinnig aufregend. Zum einen ist es natürlich ein tolles Gefühl, von einer Jury ausgewählt zu werden und auf glamouröse Preisverleihungen zu gehen. Was aber noch mehr wiegt, ist die Wertschätzung, die uns über die Preise entgegengebracht wurde. Wir finden Bridge&Tunnel natürlich eine richtig gute Idee, sonst hätten wir das Label ja nicht gegründet;-) Wenn man dann von außen, von Menschen, die einen nicht kennen, ausgewählt und in seinem Tun gewertschätzt wird, ist das aber plötzlich eine ganz andere Bestätigung dafür, dass wir auch wirklich auf dem richtigen Weg sind. Auch für unser Team: unsere Mitarbeiter waren jedes Mal ganz aufgeregt, wenn wir wieder von einer Auszeichnung berichten konnten. Eine Verleihung fand sogar bei uns in der Werkstatt statt, das war ein echtes Happening für unser Team. Darüber hinaus haben uns die Auszeichnungen auch viele Türen gegenüber Sponsoren und Investoren geöffnet. Diese Wirkung darf man nicht unterschätzen und wir sind sehr dankbar dafür.

6. Was glaubt ihr, wie wir die Welt zu einem besseren und nachhaltigeren Planeten machen können? Auch gerade im Bezug auf die nachfolgenden Generationen?
Wir versuchen, bei allem was wir tun, nicht dogmatisch zu sein, sondern mit Leichtigkeit und Spaß an die Sache heranzugehen. Schließlich soll Mode ja Spaß machen! Da reicht es schon, wenn man mit kleinen Schritten anfängt. Zum Beispiel weniger kaufen, dafür aber bewusst. Oder auch mal nicht korrekt gefertigte Fashion kaufen, wenn man sich Hals über Kopf verknallt hat, diese dann aber so lange tragen, bis sie nicht mehr kann, anstelle ständig neue saisonale It-Pieces anzuschaffen. Oder mal wieder Secondhand kaufen oder kleidertauschen oder Kleidung leihen. Es gibt so viele tolle, alternative Formen zum konventionellen Shoppen! Hinter all den Ansätzen steht das Bewusstsein, dass man schon mit kleinen Schritten Veränderungen beginnen und so seinen Beitrag leisten kann. Einfach anfangen lautet also unsere Devise;-)

7. Wo genau seht ihr euch in fünf Jahren? Habt ihr besondere Ziele?
Wir sagen nur fifty shades of blue;-) Aktuell sind wir noch überwältigt von den zahllosen Möglichkeiten, die Denim als Material bietet. Da sind wir noch lange nicht am Ende unserer Inspiration! Seit einer Weile bieten wir zum Beispiel die Option an, ich hab es vorhin schon erwähnt, eigene alte Jeans einzuschicken, aus denen wir dann ein individualisiertes Bridge&Tunnel Produkt, wie einen Rucksack oder Weekender fertigen. Auch das Thema Fashion ist neu, hier haben wir im März unsere ersten beiden Sweater Modelle gelauncht, für die wir erstmalig pre-consumerwaste (Materialüberschüsse, Musterware oder Fehlproduktionen, die bei der Produktion anfallen) verwendet haben. Unsere Idee ist es, mit Bridge&Tunnel die Schönheit und Langlebigkeit von unterschiedlichen Reststoffen aufzuzeigen. Dazu möchten wir zukünftig mit wechselnden Materialien arbeiten und daraus verschiedene Endprodukte fertigen. Unser nächstes Material steht auch schon, alte Schulvorhänge, die 40 Jahre lang in einer Aula von der Sonne geküsst wurden und aus denen auch bald tolle Produkte zu haben sein werden. Natürlich wäre es perspektivisch außerdem toll, unser Produktionsteam zu vergrößern. Wir könnten uns z.B. vorstellen, neben unserer eigenen Linie zukünftig auch für andere Designer zu fertigen, denen ökologisches und soziales Engagement am Herzen liegt und die ein Interesse an fairer lokaler Fertigung haben. Es bleibt also in jedem Fall spannend.
Vielen Dank Lotte und Conny für dieses schöne Interview.

Ich wünsche euch weiterhin ganz viel Erfolg!
Namaste
Unterschrift Melanie vom Yogablog Ganzwunderbar

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