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Veganismus und Yoga – eine Einheit?

Veganismus und Yoga – eine Einheit?

Doch nun gleich ins Thema gesprungen: Da mir der Veganismus ein sehr wichtiges Anliegen ist (und ich selbst vegan lebe), möchte ich mich an dieser Stelle mit dir zusammen mit der Frage auseinandersetzen, ob es eigentlich eine Verbindung zwischen Veganismus und Yoga gibt. Und falls dem so ist, wie diese spezielle Verbindung eigentlich genau aussieht.
Ich kann nicht auf eine umfangreiche Yoga-Praxis in meinem Alltag zurückblicken. Im Gegenteil: Ich bin das, was man wahrscheinlich eine blutige Anfängerin nennen könnte. Und sollte.

Gastbeitrag von Jenni von Mehr als Grünzeug

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Zugang zu Yoga

Ich bin froh, wenn ich die einfachsten Übungen hinbekomme, ohne auf die Nase zu fallen und habe mich bisher lediglich getraut, mich vor meinen Wohnzimmermöbeln lächerlich zu machen. Trotzdem fasziniert mich Yoga – das, was von außen nach „Rumgehüpfe auf der Matte“ aussieht, zieht mich immer wieder in seinen Bann und ich versuche mich immer und immer wieder daran. Und ich bin zuversichtlich, dass ich den Zugang dazu finden werde. Dass ich diese Überzeugung habe, kommt nicht von ungefähr. Viele vegan lebende Menschen praktizieren Yoga, viele Yogis sind überzeugte Pflanzenfutterer (ob Vegetarier*innen oder ebenfalls Veganer*innen).

Die moralischen Säulen des Yoga

Das hängt stark mit dem Yoga inhärenten Gedankengut zusammen: Die Voraussetzungen für ein ausgeglichenes und „reines“ Yoga sind neben dem achtgliedrigen Pfad des Asthanga-Yogas die fünf Yamas, die – grob übersetzt – so viel wie Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Respekt vor Sexualität, Wahrung des Eigentums Anderer und Ausgleich bedeuten. Die Yamas bilden die grundlegenden moralischen Leitlinien des Yoga und geben uns einen groben Katalog an Verhaltensrichtlinien an die Hand. Sie sensibilisieren uns dafür, wie wir mit anderen Menschen umzugehen haben und geben uns die moralischen Maßstäbe vor, die wir für eine Be- und Verurteilung unseres eigenen und des Verhaltens Anderer nutzen können.

Ausrichtung auf Gewaltlosigkeit

Zurecht wurde und wird in diesem Zusammenhang die Frage gestellt, warum meine Ausrichtung auf Gewaltlosigkeit eigentlich bei der Grenze zum Tier Halt machen sollte und ob ich mir selbst gegenüber eigentlich noch wahrhaftig bin und mich gewissermaßen noch selbst ohne Brüche und Sprünge im Spiegel ansehen kann, wenn ich – von der Einheit der Natur und aller Seelen überzeugt – in eine Hammelkeule beiße. Oder ein Ei esse, das einmal ein Lebewesen hätte werden können. Oder einem Kuhbaby seine Muttermilch wegtrinke.

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Yoga und Tierproduktekonsum?

Diese Überlegungen, die bereits vor archaisch-idyllischer Alpenkulisse oder in bäuerlich-dörflicher Umgebung inmitten Indiens Probleme aufwerfen, sind umso dringender, wenn wir uns mit unserer alltäglichen Lebensumgebung befassen. Und uns die Tatsache, wie in den modernen Industrienationen tierische Lebensmittel produziert werden, vor Augen führen. Von Gewaltlosigkeit kann da ebenso wenig die Rede sein wie vor Respekt in irgendeiner Form, vor der Sexualität irgendjemandes schon gar nicht.

Ausbeutung der Lebewesen

Hier wird das Lebewesen, das doch eigentlich im Zentrum unseres Respekts – zumindest nach Yoga-Perspektive – stehen sollte, degradiert zum Objekt, ausgebeutet, geschlachtet, getötet, erniedrigt, seiner Selbst in jeglicher Perspektive beraubt. Und das meist hinter verschlossenen Türen, verschämt, abgeschottet von der Außenwelt. Am Ende landen hübsche, säuberlich abgepackte Fleischstückchen im Kühlregal und süße, Ostergefühle weckende Eier in Pappschachteln im Supermarkt. Was dahintersteht, wird ignoriert und vertuscht. Kann so eine Lebensführung aussehen, die auf dem Respekt des Eigentums anderer beruht? Wenn es schon an solchen basalen Dingen wie der Unversehrtheit von Körper und Geist scheitert?

Ausgeglichenheit vom Yoga

Wo können wir die Ausgeglichenheit hernehmen, die wir uns vom Yoga erhoffen? Womöglich noch praktiziert auf der wundergrünen Wiese, im naturbelassenen Wald, mit anderen Lebewesen im Einklang atmend. Wenn ich direkt im Anschluss ein Lebensmittel konsumiere (die Milch hinunterstürze, die Putenbrust aufschneide), welches von einem System produziert wurde, das genau das Gegenteil bedeutet, in jeder Hinsicht? Wie kann ich das mit mir selbst vereinbaren? Und mit dem, was eigentlich Yoga bedeuten sollte?

“Mögen alle Lebewesen glücklich und frei sein. Mögen meine Gedanken, Worte und Taten dazu beitragen.“ (Lokah samastah sukhino bhavantu.)

 

Freiheit durch Yoga und Veganismus

Indem ich Tierprodukte konsumiere, führe ich diesen so zentralen Satz im Yoga ad absurdum. Und das bleibt nicht ohne Folgen für mich und mein Verhältnis zum Yoga und dem, was ich mir von der Yoga-Praxis erhoffe. Denn die zentrale Hoffnung, mit der die meisten Menschen vermutlich an Yoga herantreten (mich eingeschlossen) ist diejenige auf Freiheit. Freiheit des körperlichen Bewegungsapparates (sich in mehr Flexibilität und Elastizität oder vielleicht auch einer besseren Tiefenmuskulatur manifestierend) und/oder auch geistiger Freiheit. Nicht umsonst haftet Yoga die Aura der puren Entspannung und des Loslassens vom stressigen Alltag an.

Die Yogaphilosophie

Wir dürfen uns die Frage stellen, ob wir diese Freiheit in vollen Zügen genießen können. Wenn wir uns wirklich und ernsthaft mit der Philosophie hinter Yoga beschäftigt haben (und es vielleicht nicht nur ausüben, um unsere Wadenkrämpfe in den Griff zu bekommen) oder ob wir durch das Wissen darum, dass es dort zwei grundlegend konfligierende Strömungen (nämlich diejenige des gewaltbehafteten Tierproduktekonsums und diejenige des friedvollen Yogas) in uns gibt, gestört werden. Vielleicht erreichen wir auch einen gewissen Grad der Entspannung und können mal so richtig vom Alltag abschalten – die Frage ist nur, ob das nicht vielleicht lediglich ein Kratzen an der Oberfläche ist und ob aus der ganz persönlichen Yoga-Erfahrung für einen selbst und für alle anderen Lebewesen nicht noch so viel mehr herauszuholen wäre.

Jenny bloggt auf Mehr als Grünzeug über vegane, gesunde Rezepte für den Körper und nachhaltiges Futter für’s Köpfchen. Ihr Themenspektrum ist weit und umfasst faire Mode genauso wie Minimalismus, Zero Waste und natürlich allgemein den Veganismus. Dazu gibt es Essays, Info-Artikel und Erfahrungsberichte – aus dem Leben für das Leben geschrieben. Vielleicht schaust du mal vorbei? Du bist herzlich willkommen auf www.mehralsgruenzeug.com.

Vielen Dank, liebe Jenny für deine mich nachdenklich gemachten Worte! Du möchtest gerne mal einen Veganen Urlaub verbringen? Täglich dazu noch Yoga praktizieren? Dann schaue mal hier vorbei!
Namaste
Yogablog Ganzwunderbar

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9 comments

  1. Sehr interessanter Post, vielen Dank! Ich habe ihn zufällig beim Stöbern gefunden 🙂
    Ich praktiziere selbst Yoga und beginne in 1,5 Jahren meine Ausbildung zur Yoga Lehrerin. Und auch ich kann Tierprodukt-Konsum und Yoga nicht gut zusammenbringen. Ich selbst lebe so vegan wie mir aktuell möglich ist (das bedeutet, dass ich keinerlei tierliches esse, aber weiterhin meine Lederprodukte auftrage) und denke besonders oft an den Grundsatz der Gewaltlosigkeit. Yoga löst in mir häufig viel nach-denken aus und je mehr ich mich damit beschäftige und mir eine eigene Meinung dazu bilde, so mehr komme ich zu der Überzeugung, dass “modernes Tiere essen” und Yoga in seiner Gänze nicht zusammenpassen. Für mich so oder so nicht. Toller Artikel!

  2. Vielen Dank, Daniela! Durch Yoga können sich plötzlich bzw. im Laufe der Yogapraxis viele Grundsätze komplett ändern. Bei mir ist es jetzt nicht wirklich das Vegan sein, weil ich da immer noch eine andere Meinung zu habe (aber anderes Thema) aber durchs Yoga habe ich viele neue Sichtweisen auf das Leben gewinnen dürfen. Ich sehe mittlerweile viele Dinge anders, die ich vor meiner Yogapraxis nie so angenommen hätte!

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